Der fliederne Mond des Raums

Die Kraft des Raums ist die Kraft der Ordnung. Jedes Ding hat seinen Ort. Es ist eine sehr starre Kraft, welche keine Veränderung kennt. Raum ist Ordnung und Bewahren dessen was ist. Ihr Symbol ist der Fliedersand oder auch die Pflanze Flieder, wie es sie z.B. auf Midgard gibt.

23.5.2020 – 21.6.2020 ist der fliederne Mond des Raums

Die Welt des Raums ist Duat, die Welt der Banar. Es ist eine geordnete Welt, welche sich Veränderungen widersetzt. Duat wird bestimmt von Raum und Ordnung. Es ist die Totenwelt von Avalon, so wie Avalon die Totenwelt von Duat ist, und beide Welten liegen auf dem Netz des Lebens.

Sonnencon 2020 – online

Nexus Online Con 2020

Der Plan war, dass ich heute über meine geplante Reise zum Sonnencon nach Berlin berichte. Nun ist Corona dazwischen gekommen. Sämtliche größere Veranstaltungen wurden in Berlin gecancelt und da fällt nun auch mein alljährlicher Lieblingscon drunter.

Zu den Cons des Nexus fahre ich schon seit mehreren Jahren. Ich weiß noch wie meine Tochter als Baby in der Burg beim Burgcon herumkrabbelte (das war bevor es den Sonnencon gab), und das Töchterchen ist mittlerweile 16 und geht auch schon mal ohne mich zum RPG-Con.

Beim Sonnencon sind wir beide (Tochter und ich) fast seit Beginn dabei, und seit dem auch treu. Ich habe dort meine erste Lesung gehalten, und werde auch dieses Jahr dabei sind.

Nach Berlin fahren ist nicht möglich, dafür kann man online teilnehmen:

Man braucht Discord, was ich noch nicht kenne – ich bin bisher im Pen and Paper unterwegs, werde mir aber eh Discord besorgen müssen, da auch meine sonstigen Runden notgedrungen online gehen. Mehr als Discord ist für die Teilnahme am Con nicht nötig.

Der Onlinecon kostet keine Eintrittspreise, die Zeiten passen genau zu meinem Lebensrythmus: Es geht Sanstag und Sonntag um 13:45 Uhr los.

Wie bei den bisherigen Cons gibt es drei Blöcke: Samstag Mittag, Samstag Abend und Sonntag Mittag. Die Runden stehen schon online. Bei meiner letzten Zählung waren es 15 Runden, die man sich auch ohne sich anzumelden schon mal ansehen kann. Mir gefällt diese Struktur. Man kann gut planen, und kann sicher drei Runden spielen, weil es zeitlich abgestimmt ist. Das fand ich schon bei den analog stattfindenen Nexus-Cons super.

Da ich noch kein Discord habe, bin ich auch noch nicht angemeldet, die Anmeldung ist aber schon möglich.

Es ist der erste Online-Con des Nexus, und ich bin sehr gespannt und freue mich drauf, zumindest online dabei zu sein – auch wenn ich das Grillen vermissen werde.

Da ich weiß, mit welchem Engagement und wie viel Liebe die bisherigen Sonnencons vorbereitet und durchgeführt wurden, bin ich mir sicher, dass es ein toller Con wird und ich viel Spaß haben werde.

Luhanes Malinewe Handiel, Idee-Magier

Luhanes ist ein floraler Anid von Tiron. Er ist also pflanzlich und entstammt der Kultur der floralen Anid. Doch seine Seele stammt aus einer ganz anderen Welt, von Angary. Er hat die Seele eines Engels, bestimmt von der Kraft Tod.

Luhanes ist gelernter Magier und lebt auf seinem Raumglyder, einem Weltraum tauglichen Schiff, das von einer Person gesteuert werden kann. Sein Glyder dient ihm auch als Heimat.

Das Pegasosgen – Marias Geheimniss von Eve Grass

Als ich auf dem Klappentext von „Das Pegasosgen“ über eine 50 jährige Pferdenärrin las, war klar, dass ich dieses Buch kaufen werde. Ich war nämlich genau 50 Jahre alt, und entschlossen das Buch in diesem Lebensjahr noch zu lesen.

Die Protagonistin des Romans, Rike, ist mit ihren 50 Jahren einige Jahre von der klassischen Pferdebuch-Heldin entfernt, und eher im Alter ihrer Mutter, und auch die Zielgruppe dieses Romans dürfte eher in meinem Alter als in dem meiner Tochter zu finden sein.

Da ich den Roman einfach wegen dieses Details – die ist ja genauso alt wie ich – gekauft habe, hatte ich einfach gar keine Vorstellungen oder Erwartungen. Es ging wohl um fliegende Pferde, wenn das Ganze schon „Pegasosgen“ heißt, das wars dann auch. Ich konnte also einfach anfangen zu lesen und mich von der Geschichte mitnehmen lassen.

Sehr schnell war ich drin in der Story um Rike und ihren Mann, die nach Spanien gehen, und Maria und Jose mit denen sie Bekanntschaft schließen. Dass es bei dem Geheimniss um fliegende Pferde geht, ist natürlich klar, das steht ja schon im Titel, und fliegende Pferde sind cool. Aber was sich dann alles an Geschichten um diese Tiere rangt ist schon lesenswert.

Ich bin nun keine Pferdenärrin, aber ich mag Mystery, und Pegasos ist nun mal Mystery pur. Damit ist das Buch schon mal mein Genre.

Dass die Heldin 50 und nicht 25 Jahre alt ist, ist mal eine angenehme Abwechslung. Für mich persönlich war das natürlich einfach ein Punkt, an dem ich mich in die Heldin hineinfühlen konnte.

Spannend fand ich auch die verschiedenen Zeitebenen:

Einmal die Geschichte von Rike und ihrem Mann in Sierre Grazalema in Spanien, wo sie langsam hinter Marias Geheimniss kommen.

Zum anderen die Vergangenheit, beginnend 1100 vor Christus, in der es immer um das Geheimniss der fliegenden Pferde und des Pegasosgens geht.

Am Ende finden die beiden Ebenen sehr passend zusammen, wenn sich zeigt wie die Geschichte von Maria und Jose mit der Geschichte der Pegasi zusammenhängt.

Ein empfehlenswertes Buch, spannend zu lesen, mit einem erwachsenen Blick auf Pferde und ihre fliegenden Verwandten.

Das Pegasosgen – Marias Geheimnis
Eve Grass
Verlag der Schatten

Der lilane Mond der Idee.

Das Symbol der Idee ist die Rose. Sie symbolisiert die Phantasie, die Krativität und die Kraft des Geistes. Die Idee ist die Kraft des Idealismus, der Kraft von Verstand und Geist. Idee ist die lilane, schimmernde Kraft der Idee und der Vorstellung.

24.4.2020 – 22.5.2020 ist der lilane Mond der Idee.

Die Welt der Idee ist Avalon die Welt der Feen. Eine Welt die bestimmt ist von den Ideen, nicht von physikalischen Gesetzen. Frühling, Wärme und blühende Blumen zeugen von der Kraft der Idee im zweiten Mond.

Algerus Sanger, Lebenshexer

Algerus ist ein Student der Hexerei und Medizin auf Meran, einem Mond von Avalon.

Meran ist ein Wissenschaftmond, der sich voll und ganz der Suche nach Wissen und Wahrheit widmet. Wer hier geboren wird, geht 12 Jahre zur Schule um sich dann einem oder auch mehrere Zweigen der Wissenschaft zuzuwenden. Nur weniger Meraner sind keine Wissenschaftler. Allerdings hat die Welt auch Aufgaben für Handwerker.

Algerius wurde auf Meran geboren, ging dort zur Schule und studiert nun die Kunst der Medizin und der Magie. Er ist ein Hexer und ein Heiler. Sein Tier ist der Hase. Er kann sich in einen Hasen verwandeln. Und sein Baum ist die Weide.

Buchrezension: Der Mitternachtsladen von Tanja Karmann

Dass Linas Auto mitten in der Nacht, bei strömendem Regen gleichzeitig mit ihrem Handy den Geist aufgibt, führt sie an einen geheimnisvollen Ort. Wie geheimnisvoll dieser Ort ist, wird ihr aber erst nach und nach klar.

Der Weg durch den Regen nach Hause führt sie zu einem seltsamen Laden, der allerlei Sachen verkauft. In der Hoffnung auf die Möglichkeit zu telefonieren betritt sie den Laden und so beginnt eine Geschichte in der sie sich langsam und Stück für Stück einer fremden, und doch sehr nahen, magischen Welt nähert.

Der Laden ist natürlich kein normaler Laden, und es hat einen guten Grund, dass Lina die strickte Regel erhält, niemals länger als bis Mitternacht zu bleiben, als sie das Angebot annimmt in dem Laden zu arbeiten.

Aber natürlich kommt irgendwann etwas dazwischen, und dann sind da noch Mara ihre Kollegin und Brendan, der Sohn des Ladenbesitzer.

Die Geschichte ist aus Linas Sicht erzählt, deren Einstellung zur Magie und anderen Welten die üblich sein dürfte: Das gibt es nicht. So nimmt sie einen mit und beim lesen wird vermutlich den Lesern und Leserinnen etwas früher als ihr klar, dass es hier um Magie geht – immerhin hat wer das Buch liest vermutlich den Klappentext gelesen und weiß, anders als Lina, um das Genre.

Lina ist eine normale, sympathische, junge Frau. Sie geht noch zur Schule und will sich ein wenig Geld dazu verdienen. Die besondere Rolle die ihr, ganz natürlich, zufällt, kommt sehr ruhig und unauffällig und dabei absolut folgerichtig, was ich in dem Buch sehr angenehm fand.

Lina wird nicht zur Superkämpferin und es gibt einiges was sie nicht kann, gerade damit ist sie einem besonders nahe, wenn man das Buch liest.

Es war spannend bis zum Schluss, und lässt auf einen zweiten Band hoffen, allein damit es weitergeht.

Der Mitternachtsladen
Tanja Karmann
fehu

Die erste Dienerin der Königin

2.

Erstaunt hielt Eleane inne, sah noch einmal auf das Pergament in ihren Händen und suchte weiter. Es musste eine Erklärung für diese Verwirrung geben.

Hinter der dritten Schriftrolle der Melodie, welche die glückliche Herrschaft der reinen Königinnen beschrieb, folgte eine vierte, ihr unbekannte Melodie. Sie begann als Fortsetzung und versprach das Ende der reinen Herrschaft zu beschreiben. „Vom Verlust der Eisrose“ lautete die Überschrift.

Allgemein war dieser Verlust unter den Eiselfen bekannt. Die Rose ging verloren und die Macht der Königinnen von Schandaar brach. Es starb die letzte reine Köngin und das neue Geschlecht der Herrscherinnen von Schandaar bestieg den Thron aus Eis und Licht.

Diese Königin war Eleive gewesen, jene lichtgleiche Herrscherin, der noch vor wenigen Minuten Eleane die Füße gewaschen hatte. Ihre verehrte Herrin und Königin von Schandaar. Die Haut wie Alabaster, die Haare gleich fließendem Perlmutt, ihre Augen so blau und tief wie die See. Eine Königin die an Schönheit und Reinheit ihre Vorgängerinnen mit Leichtigkeit erreichte.

Neugierig las Eleane weiter.

Es war eine Fortsetzung, gedichtet von einem modernen Barden, der sich als Nachfahr des alten Barden Elgenar Lichtweiß bezeichnete. Er war ein Sohn des Clans Lichtweiß, ein angesehener Barde, der jedoch vor 100 Jahren verschwunden war. Niemand wusste, was aus ihm geworden war, doch nachdem Eleane die Worte gelesen hatte, die seine Melodie begleiteten, wusste sie um die Umstände seines Verschwindens. Es konnte keinen Zweifel geben, dass er getötet war oder es vorgezogen hatte, nachdem er sein Wissen in Worte gefasst hatte, doch lieber zu verschwinden.

3125 Jahre erstrahlte die Perle im Eis. Hell und weiß im klaren Licht der Idee sollte niemand die Herrschaft der einen Königinnen brechen. Doch es geschah, was geschah und gestohlen ward die Rose im Eis. Soleis war die letzte der reinen Königinnen. Das ewige Licht erstrahlte an ihrer Seite. Die Eisrose wuchs zu ihren Füßen, als Zeichen und Sinnbild ihrer Macht.

Ewiges Licht, ewige Reinheit, nie sollte die reine Herrschaft gebrochen sein.

Ewiges Licht ward verdunkelt, ewige Reinheit verloren. So brach die Herrschaft als fremde Hände griffen nach der Rose aus Eis. Gestohlen ward die Rose so verfiel die Königin und besiegt war sie von der Dunkelheit.

Dies ist die ewige Melodie, welche enden soll in Finsternis, im Dunkel der neuen Königin von Schandaar.

Dies ist das Ende der ewigen Melodie.

So war es Liebe, war es die Lust welche den Elf bewog das Heiligtum von Schandaar zu stehlen. So nahm er die Rose und gab sie seiner Liebe, dass sie den Thron besteige.

So ward die letzte der reinen Königinnen geschlagen und gefangen.

So wurde beides hinweggeschafft. Die Rose in die Hände der Trolle, die Königin unter Felsen aus Eis.

Und so sitzt auf dem Throne von Schandaar die falsche Königin, nicht aus dem Licht reinen Denkens doch aus dem Dunkel der Lust und Begirde.“

Niemand durfte dies lesen. Das erkannte Eleane noch bevor sie die letzten Worte überflogen hatte. Dies waren die Worte eines Getreuen der reinen Königinnen. Sollte die letzte dieser Königinnen noch leben, sollte die Rose aus Eis noch zu finden sein. Keines durfte bekannt werden. Sie würden Eleive ihres Thrones berauben. Sie würde ihre wunderschöne Königin der kalten Gnade der letzten der reinen Königinnen ausliefern. Niemals durfte das geschehen.

Die Schriftrolle in der Hand trat Eleane vor die Tür der Bücherhalle. Hier, im Freien weit über den Dächern von Schandaar, brannte auf der einen Seite ein Feuer, genau gegenüber dem Wasserbecken.

Ohne zu zögern trat Eleane an das Feuerbecken, warf die Schriftrolle hinein und sah zu wie langsam aber unaufhaltsam Pergament und weißlackiertes Holz zu Asche verbrannten.

Es war segensreiches Feuer. Was Trolle und Menschensklaven läuterte, konnte ihrer verehrten Herrin die Macht erhalten.

Mit einem Gefühl tiefster Erleichterung kehrte Eleane zurück, setzte sich an den Tisch und fuhr fort zu lesen.

Das Geheimnis um die zwei Namen lüftete sich, als Eleane sich die Ahnentafeln der beiden Familien geben ließ. Es war denkbar einfach, geradezu simpel. Elgenar Lahendeth war das dritte Kind von Iref Lahendeth. Somit war er ein Sohn der Familie Lahendeth die mit recht stolz sein konnte auf dieses Erbe.

Als Barde gewann er an hohem Ansehen, und so hatte er in eine schon damals hoch angesehene Familie eingeheiratet und wurde zu Elgenar Lichtweiß. Die Familie Lichtweiß hatte immer treu zu den reinen Königinnen gestanden. Die ersten Barden von Schandaar entstammten der Linie der Lichtweiß, und wenn sie ihr nicht entstammten, so wurden sie aufgenommen in diese alte, bedeutende Sippe. So stand über der alten Schriftrolle der Name der Familie Lichtweiß und Elgenar Lichtweiß der Barde wurde zu einem der Ahnenväter der Familie Lichtweiß.

Den Ruhm und die Bedeutung aber würden sich die Lichtweiß mit der Familie Lahendeth teilen müssen.

Einiges würde sich ändern, dachte Eleane, als sie die Rollen und das Pergament der eifrigen jungen Elfe zurück gab. Doch würde auch einiges bleiben wie es war. Ihre Königin würde sie vor Schaden bewaren. Dies war ihre Aufgabe als erste Vertraute der Königin von Schandaar.

War es das?

Mit offenen Augen starrte Eleane in dieser Nacht in die Dunkelheit um ihr Bett herum. Ihre Kammer lag oben, angrenzend an die Gemächer die Königin. Sie selbst hatte es so gewählt. So war sie in der Nähe ihrer verehrten Herrin, falls diese sie brauchte. Der Königin war dies recht gewesen. Sie schien die Fürsorge ihrer Vertrauten durchaus zu schätzen.

Die Nähe ihrer Königin. Diese tiefe Verehrung, wann immer Eleane die Herrin von Schandaar ansah. War dies wirklich nur die reine Treue zur wahren Königin von Schandaar?

Der Stadt und ihrer wahren Königin hatte sie Treue geschworen, dessen wurde Eleane nun gewahr. Sie aber hatte diesen Schwur gebrochen. Eleive war nicht die wahre Königin. Die wahren Königin war die letzte der reinen Königinnen und nur deren Verschwinden hatte Eleive es zu verdanken, dass sie nun auf dem Thron aus Eis und Licht saß.

Es hätte einer Untersuchung bedurft. Sie hätte den Fall den Barden von Schandaar übergeben müssen und den Weisen des Lichtordens. Sie hätten Krieger und Barden ausschicken müssen, auf der Suche nach der Eisrose und der wahren Königin.

Sie konnte all dies noch immer veranlassen, doch sie würde es nicht tun.

Dies wurde ihr in dieser Nacht, in der sie im Dunkeln lag, klar.

Es war nicht die Verehrung des Lichtes. Es war nicht die kühle, erhabene Hingabe an die Königin von Schandaar, die sie für Eleive empfand. Es war tiefe, glühende und leidenschaftliche Liebe und Begirde. Sie suchte ihre Nähe, wusch ihre Füße und sehnte herbei, was ihr Herz nicht ersehnen durfte. Dies war die Liebe einer Frau zu Fleisch und einem schönen Antlitz.

Lautlos erhob sich Eleane von ihrem Lager, entzündete nur ein kleines Licht und begann ihre Laute, Kleidung und ein paar Habseeligkeiten zusammenzusuchen.

Sie würde keinen Sklaven schicken oder gar mit sich nehmen. Sie würde nur gehen.

Mit einer Tasche in der Hand verließ sie ihren Raum, durchquerte die Räume der Königin und begab sich die Treppe hinunter zu den Stallungen. Hier suchte sie sich ein Hunderudel heraus, ohne einen der Sklaven zu wecken, spannte die Tiere vor einen der schlanken, schnellen Schlitten, legte ihr Instrument und die Tasche hinter den Sitz und trieb die Tiere zur Eile an, fort von der Stadt.

Sie würde hinausgehen ins kalte Eis immer weiter nach Süden. Sie hatte sich befleckt, hatte Gefühlen den Vorrang gegeben, war nicht mehr würdig der Stadt, die sie so tief liebte, zu dienen. Zuerst musste sie ihre Gefühle besiegen, dann würde sie zurückkehren in das ewige Eis von Schandaar, um dort ihrer Pflicht als Vertraute der wahren Königin zu genügen, frei von Gefühlen die zu Untreue und Verrat führten.

Nur die wahre, reine Idee, der hehre Verstand sollten sie noch leiten. War ihr dies gelungen, so würde sie heimkehren nach Schandaar.

Als am Morgen ein hellfelliges Yetimädchen die Kammer der Vertrauten der Königin betrat war die Herrin Eleane längst gegangen. Auf dem Tisch fand das Sklavenmädchen einen Zettel, den sie sofort ihrer Königin überbrachte.

Ich gehe, denn Gefühle dürfen niemals die Beweggründe einer Eiselfe beeinflussen, auch nicht wenn sie meiner so wunderschönen und edlen Königin gelten. Ich kehre wieder, wenn ich gefunden habe, wonach ich suche: Die reine Idee, den hehren Verstand.

In tiefer Liebe und Ergebenheit eurer Majestät,

Eleane Silberschnee

Die erste Dienerin der Königin

1.

Es war ein große Ehre für Eleane Silberschnee der Königin zu dienen. Eine Ehre für die sie selbst ihr Leben als Bardin des Lichts aufgegeben hatte. Es oblag ihr sich um die persönlichen so wie geschäftlichen Belange der Königin zu kümmern, als ihre persönliche Assistentin, und auch die Dienstboten der Königin überwachen.

Morgens war sie früh auf den Beinen, um sich persönlich davon zu überzeugen, dass es der Herrin von Schandaar an nichts mangeln würde. Sie überwachte die Yetimädchen dabei, wie sie das Bad der Königin erhitzten, überwachte die Auswahl der Kleidung und massierten sanft die Füße ihrer Herrin, dass nicht die Hand eines Menschen die Haut der Königin der Eiselfen berührte.

Getreu ihrem Schwur, der wahren Königin über Schandaar zu dienen, tat sie alles was ihr möglich war, um das Wohl dieser Königin zu bewahren. Königin Eleive war die edle Herrscherin der Eiselfen von Schandaar, und Eleane ihre treue erste Dienerin.

Die Königin war ihres Volkse würdig. Von erhabener Anmut und ätherischer Schönheit saß sie auf dem Thron aus Eis und Licht im höchsten Palaste von Schandaar. Ihre Haut war von makelosem Weiß, ihr langes, glattes Haar schillerte hell im Licht der Sonne wie reinstes Silber. In den Händen hielt sie den Stab des Lichtes als Symbol ihrer Macht und um den Hals trug sie eine Kette aus schneeweißem Achat, den eine feine Linie als Symbol des Lichts durchzog.

Wie Wasser umfloss ihr Gewand den schlanke Körper der Königin, und wie frischgefallener Schnee umschmiegte der Umhang ihre Schultern.

Der Sessel auf den sie sich am frühen Morgen nieder gelassen hatte, war mit schneeweißem Samt bezogen. In blassem Lila zogen sich Linie über die Lehnen, welche die Umrisse eines Horns nur andeuteten. Durch hohe Fenster strahlte helles Licht auf eine lange Tafel auf der in Schalen und Krügen aus Alabaster reines Quellwasser und frische, helle Früchte warteten. Der Schreibtisch der Königin aus ebensolchem Alabaster, bedeckt von Schriftrollen und Pergamenten, nahm eine Ecke der Halle ein. So mächtig er war, so wenig fiel er auf, im weitläufigen, privaten Gemach der Königin. Im Hintergrund führte eine Tür weiter in das privateste Gemach, dessen Schwelle kaum ein Elf geschweige denn ein Mensch je überschritt, das Schlafgemach ihrer Majestät.

Keine Farbe als Weiß und blasses Lila verunzierten die Gemächer der Königin von Schandaar. Dies waren heilige Halle, die hoch über den Mauern Schandaars thronten, nur noch überragt vom heilgen Turm des ewigen Lichtes. Allein das Feuer in der rechten und das Wasser in der linken Wand jedes Raumes hob sich ab vom lichten Weiß von Schandaar.

Vorsichtig stellte Eleane die Füße ihrer Königin auf ein schneeweißes Seidenkissen, griff nach ihren in hellem Perlmutt glänzenden Pantoffeln um sie über die zarten Füße zu streifen und erhob sich wieder. Es war ihr eine Freude ihrer Herrin diesen kleinen Dienst am Morgen zu erbringen, auch wenn es eigentlich nicht ihre Aufgabe war. Die weiche Haut unter ihren sanften Händen fühlte sich angenehm zart an und das Wasser über die nackten Füße rinnen zu sehen erfüllte Eleane jeden Morgen aufs Neue mit tiefster Ergebenheit.

Während eine Sklavin die Wasserschüssel beiseite räumte, wartete Eleane ob ihre Königin noch Wünsche äußerte, ehe sie an ihr Tagwerk ging.

„Danke, Eleane“ erfüllte die glockenklare Stimme der Herrin den Raum. „Geh doch bitte meine Briefe durch. Und kümmere dich um den Elf der auf eine Antwortet wartet. Ich habe mir noch nicht einmal seine Frage angehört. Erledige das bitte für mich.“

Das Lächeln der Königin erinnerte an den Glanz der Sonne auf frischgefallenem Schnee.

Eine Treppe musste Eleane hinunter gehen, um in einen Saal, der beherrscht war von einer Tafel in deren Alabaster sorgfältig Ornamente in rot und blau eingelegt waren, zu gelangen. Mit weißem Samt bezogene Stühle standen um den Tisch herum, ansonsten war der Saal leer. Hier empfing die Königin, oder auch eine ihrer Vertrauten, diejenigen ihrer Untertanen, welche ein Anliegen, eine Frage oder auch eine Bitte hatten, in königlich lichtem Weiß.

Der Elf, der vor dem Tisch auf Eleane wartete, war hochgewachsen, mit einem ganz leichten Blaustich in den Haaren. Sein blauschimmerndes Gewand hing an seinem dürren Körper, so dass er mehr einem Kleiderständer glich, denn einem Elf. Nichts desto trotz stand er aufrecht und blickte Eleane gerade ins Gesicht.

An seiner Seite stand ein Menschenjunge, der sich schüchtern umsah, dann aber unter Eleanes Blick scheu zu Boden blickte.

„Was wünschst du?“ Erwartungsvoll sah sie den Mann an, der sie um gut einen Kopf überragte.

„Mein Name ist Galeb Lichtweiß und ich komme in einer recht komplexen Angelegenheit betreffs meiner Familie, und der Familie Lahendeth, welche in unserer Nachbarschaft lebt. Es gibt da etwas zu klären.“

Ehrfürchtig senkte Eleane ihr Haupt. Die Familie Lichtweiß war bekannt und angesehen. Viele hohe Ideen stammten aus diesem Geschlecht. Schon unter den alten Königinnen genossen sie hohes Ansehen. „Es ist mir eine Ehre. Gerne bin ich dir behilflich.“ Ihr Blick wanderte zu dem Menschen.

„Ich benötige die Hilfe meines Sklaven für alles Mögliche. Könnte er in den Sklavenräumen warten?“

Zögernd nickte Eleane, und winkte dem Menschen zu verschwinden. Noch während er ging, wandte sie sich dem Elfen vor ihr zu. „Dann erklär mir doch bitte genauer worum es geht.“ Mit der Hand deutete sie zur Tür und Galeb Lichtweiß folgte ihr zu dem Alabastertisch nahe der offenstehenden Tür zum Balkon.

„Also?“ fragend sah sie ihn an, als sie beide saßen.

„Nun, es geht um die Melodie der Eisrose.“

Wissend nickte Eleane. Es war ein altes Lied, über die Liebe einer Königin, die sie in Eis bannte um der reinen Logik zu folgen. Dies ermöglichte den Königinnen des alten Geschlechtes über drei tausend Jahre lang weise und ohne Fehl zu herrschen. Daher auch die Bezeichnung „die reinen Könginnen“.

Das Lied stammte aus der Zeit, des Beginns ihrer Herrschaft aus der Feder eines der Vorfahren von Galeb Lichtweiß. Es war ein altes und hoch angesehenes Lied, welches oft gesungen wurde in Schandaar.

„Nun hat mir Naminde Lahendeth ein altes Schriftstück vorgelegt“ fuhr Galeb Lichtweiß fort, „welches besagt, dass der Name jenes alten Barden nicht Elgenar Lichtweiß, sondern Elgenar Lahendeth war, Sohn von Iref Lahendeth. Dies müsste zu überprüfen sein.“

„Ja sicher“ nickte Eleane. „Dies wäre zu überprüfen.

Ich werde gleich selbst in die Archive gehen um diesen Tatbestand zu prüfen. Es dauert nur ein paar Minuten das Lied der Eisrose zu holen. Wenn du bitte warten möchtest. Verfüge bitte über unsere Sklaven. Sie werden dich mit allem versorgen, wonach du verlangst.“

Das Lied der Eisrose war leicht zu besorgen. Eleanes Schritte führten hinauf in die Räume der Schriften, dorthin wo sich die alten Lieder befanden, und sie einer jungen und äußerst eifrigen Eiselfe den Auftrag gab die Schriften zu genau diesem Lied zu suchen.

Es ging um den Beginn der Stadt Schandaar, von der Zeit in der die Eiselfen ihr Land Ilwyn verließen um hierher zu kommen, weit in den Westen, in das ewige Eis von Elinos, wo sie das Licht finden und verbreiten sollten, auf der Welt der Menschen.

Die Melodie war so alt wie Schandaar selbst, und die ersten Worte beschrieben noch die ewiglich weißen Berge von Ilwyn.

Tiefes Weiß aus lichtem Schnee bedeckt die Gipfel von Ilwyn. Dort hoch oben erklingt das Lied der Bardenelfen von Ilwyn. Hell klingen Harfenklänge, tief schallen die Trommeln, hoch jubeln die Sangesstimmen der Bardenelfen von Illwyn.“

Nur wenige Minuten musste Eleane warten, bis die junge Elfe ihr ein Bündel Schriftrollen und ein Buch überreichte. „Dies sind alle Schriften die ich finden konnte“ erklärte sie.

Eleane nickte, dankte für die Hilfsbereitschaft und nahm das Bündel aus Pergament und weißlackiertem Holz an sich.

Dies war zu viel um es so ungeordnet dem alternden Elfen zu zeigen. Sie würde es lieber hier kurz durchgehen, um die wichtigen Informationen herauszufiltern. Also legte sie alle Papiere vor sich auf einen Tisch, setzte sich an den Tisch und begann zu suchen.

Es ging um den Namen des Barden der das Lied geschrieben hatte, und seine Zugehörigkeit zu einer Familie. Wie war sein Name? Lautete er Lichtweiß oder Lahendeth?

Das Lied selbst lag zuunterst, zwischen verschiedenen Schriftrollen und Papieren. Es trug eine Überschrift, welche deutlich hervorgehoben war und den Namen des Barden beinhaltete, der das Lied gedichtet hatte.

„Die Melodie der Eisrose“ geschrieben von Elgenar Lichtweiß, stand dort deutlich zu lesen.

Wissend nickte Eleane, dies war eindeutig und ohne Zweifel der Beleg dafür, welchem Clan Elgenar angehörte. Er war ein Sohn der Familie Lichtweiß.

Doch sie war gewissenhaft und las weiter.

Die Melodie war lang, über drei Rollen war sie aufgezeichnet, und enthielt nur wenige Worte.

Zu Beginn war die Schönheit Ilwyns beschrieben, doch gleich ging es über in die Liebe der Königin und die Notwendigkeit reinen Verstandes. Der Geist, das Wissen, das reine Licht sollten herrschen, und so bannte die Königin all ihre Liebe in eine einzige Rose im ewigen Eis.

Diese eine Rose aber sollte stets bei ihr sein dem Volke der Eiselfen zum Wohle.

So konnte die Königin ihre Entscheidung treffen, Illwyn zu verlassen und hinaus zu ziehen in den fernen Westen, wo die Eiselfen eine zweite Heimat fanden. Sie erreichten Schandaar, erbauten die Stadt aus Eis und erhoben sich über die Menschen und Trolle des Eis. All dies unter der Herrschaft der reinen Königinnen.

All dies war weithin bekannt. Jede Eiselfe hatte gelernt, was damals geschehen war, beschrieben in der Melodie der Eisrose.

Ein Name stand dort unten wie eine Unterschrift. Er war blas und kaum zu erkennen, doch klar konnte Eleane den Beginn des Familiennamens lesen: La. Als sie das Schriftstück ins Licht hob, sah sie was dort stand: Die Unterschrift des Barden: Elgenar Lahendeth, Sohn von Iref Lahendeth.

Zwei Namen, wie kam es dazu?

Denems Weg

3. Denem

Die nächste Stadt im Norden war Ferratwin, und ein ganzes Stück entfernt von Seldin. Wenn sie mit dem Boot dorthin fuhren, waren sie einige Tage unterwegs, aber vielleicht blieben sie an einer der vielen kleineren Anlegestellen zwischen Seldin und Ferratwin. Nia ritt einfach geradeaus weiter, in der Hoffnung sie dort irgendwo anzutreffen.

Als sie die nächste Siedlung erreichte war es schon wieder später Vormittag. Müde lenkte sie ihr Pferd zu der ersten Frau, auf die sie traf, eine junge Frau, die auf einer Bank, vor einem der Häuser saß und einen Säugling stillte. Freundlich erwiderte sie den Gruß, und erklärte Nia den Weg zum Schwesternhaus der Naja. Das Schwesterhaus lag an der Uferstraße, zwischen zwei großen, mit dem Symbol der Götttin Naja bemalten Lagerhäusern. Dieses Haus war ein normales Haus, einstöckig wie alle anderen auch, weiß verputzt, über dem Eingang das Zeichen der Göttin. Nia stieg vom Pferd und reichte die Zügel dem Mädchen, das aus dem Haus kam und sogleich das Pferd hinter das Haus, zu den Ställen führte. Im Haus war es angenehm kühl, zwei Männer wuschen die Tische ab, eine Frau stand an einem der Tische und bereitete Fleisch zu.

Nia ging zu der Frau. „Guten Morgen Schwester, ich suche ein Bett. Ich bin die ganze Nacht geritten und sehr müde.“

Ohne zu antworten deutete die Frau hinter sich.

Nia ging in die angegebene Richtung. Die Kammern waren kleiner als in der vorigen Stadt. Nia legte ihre Tasche auf den Boden. Bevor sie schlafen ging, wollte sie noch einen kleine Spaziergang am Kai machen, und sich umhören. Also spritzte sie sich nur kurz Wasser ins Gesicht und verließ dann wieder das Gebäude, um die Uferstraße entlang zu schlendern.

Auch hier waren Männer damit beschäftigt, Ballen und Fässer von den Booten an Land, und dann weiter in die Lagerhäuser, oder umgekehrt vom Ufer in die Boote zu laden. Nia betrachtet die gebückten, schweißnassen Männerrücken, im vorübergehen. Manchmal richtete sich einer auf und wischte sich mit der Hand über das Gesicht. Die Frauen, die die Arbeit beaufsichtigten, wirkten gelangweilt.

Nia schlenderte zu einer der Frauen, um sie zu fragen, ob sie die Gesuchten gesehen habe, da richtete sich einer der Männer mit einem Ballen in der Hand auf, drehte sich um, um den Ballen an Land zu tragen, und sah ihr genau ins Gesicht. Vor Schreck lies er den Ballen fallen, der mit einem lauten Plums auf den Boden fiel.

„Was soll das? Nun ist es schmutzig“ fragte eine der Frauen und trat irritiert zu ihm.

Aber der junge Mann beachtet sie gar nicht.

Nia war nicht weniger erstaunt, als er. „Denem“, rief sie und lief zu ihm hin. Ihr armer Bruder! Zwangen ihn die Amazonen nun zu arbeiten, nachdem sie ihn von zu Hause weggeschleppt hatten? Als sie bei ihm war, nahm sie ihn in den Arm. „Es wir alles wieder gut. Ich bring dich nach Hause.“ Versprach sie.

„Was geht hier vor.“ Wollte die Aufseherin wissen.

„Er ist mein Bruder und ich nehme ihn mit.“

„Dein Bruder?“ Der Ton war schneidend. „Zur Zeit ist er mein Arbeiter, und er wird erst heute Abend gehen, wenn seine Schwester ihn abholt.“

Nia lächelte. „Ich sagte doch, dass ich seine Schwester bin, und ich hole ihn jetzt ab.“

Die Aufseherin bedachte Denem mit einem ärgerlichen Blick. „Ist diese Frau deine Schwester?“

Er nickte.

„Und die Frau, mit der ich den Vertrag abgeschlossen habe?“

„Sie ist nicht meine Schwester.“ Er senkte den Kopf, kaum hörbar, sprach er weiter. „Ich bin von zu Hause ausgerissen und habe sie überredet, sich als meine Schwester auszugeben, damit ich arbeiten kann und Geld verdiene.“

Die Aufseherin grinste süffisant, schwieg aber.

Liebevoll legte Nia ihren Arm um den Jungen. „Du siehst, der Vertrag ist ungültig.“

Die Aufseherin nickte.

„Weißt du, wo die beiden Amazonen sich nun aufhalten?“ Fragte Nia ihren Bruder.

„Nein, bitte Nia! Es ist wirklich so. Ich habe sie überredet, mich mitzunehmen.“

Nia strich ihm eine feuchte Strähne aus dem Gesicht. „Denem, ich finde es reizend, dass du für sie lügst, aber sie haben es nicht verdient. Auch wenn du jetzt noch in sie verliebt bist. Sie hätten dich nicht mitnehmen dürfen.“ Und zur Aufseherin. „Wann wollten sie ihn abholen.“

„Zur 10ten Stunde des Tages.“

Nia nickte, und ging zurück zum Schwesternhaus, ihren Bruder am Arm mitführend.

Den ganzen Weg schwieg er, den Kopf trotzig gesenkt haltend. Vorm Haus rief Nia einen Mann heran und beauftragte ihn, ihren Bruder ins Männerhaus zu bringen und auf ihn aufzupassen. Dann begab sie sich in die Halle, auf der Suche nach weiteren Frauen, mit denen sie das Geschehene besprechen, und die ihr behilflich sein konnten, über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Alle Beteiligten waren Mitglieder des gleichen Clans, was die Sache erheblich entschärfte. Es blieb clanintern. Trotzdem, musste etwas geschehen. Es ging nicht, dass herumreisende Frauen einfach jungen Männern den Kopf verdrehten, und sie aus ihren Familien, ihrer Umgebung rissen. Im Haus fand sie zwei Najane. Die eine hatte sie schon bei ihrer Ankunft getroffen hatte, die andere war eine Fremde.

„Guten Tag, Schwestern“. Begann Nia,

„Guten Tag, Schwester“, war die Reaktion.

„Es ist etwas geschehen“, begann Nia. Es war der traditionelle Beginn, eines Berichtes über einen Straffall. „Mein Bruder, Denem, welchen ich in dieser Stadt wiedergefunden habe, ist vor 3 Tagen von zu hause fortgelaufen. Er ging mit zwei Amazonen unseres Clans. Eine von ihnen muss ihn verführt und überredet haben mitzukommen. Mein Bruder ist jung und leicht zu beeinflussen und offensichtlich in eine der Frauen verliebt. In dieser Stadt hat eine von ihnen sich als seine Schwester ausgegeben, um einen Arbeitsvertrag, als Arbeiter am Kai, für ihn abzuschließen. Ich habe ihn mit hierher gebracht. Er ist nun im Männerhaus. Es muss etwas geschehen.“ Schloss sie.

Die anderen Frauen nickten schweigend, das war ein schwerwiegender Fall.

„Weißt du, wo sich die Amazonen aufhalten?“

Nia schüttelte den Kopf, „Ich weiß aber, wann sie sich heute Nachmittag am Kai aufhalten werden, um meinen Bruder und den Arbeitslohn abzuholen.“

„Dann werden wir sie in Empfang nehmen.“

In kurzer Zeit wurden weitere Clanschwestern heran geholt, bis es, ohne Nia, acht waren. Genug um ein Urteil zu fällen. Die Neun Frauen versammelten sich auf dem Platz hinter dem Haus, unter einem Baum. Junge Männer reichten ihnen Getränke und süßes Brot, während sie den Fall besprachen. Nias Bruder hielt sich im Männerhaus auf, wo er gut mit Essen, einem Bad und Kissen zum Ausruhen versorgt war. Die Besprechung dauerte mehrere Stunden, in denen die verschiedenen Frauen von Nia den Vorfall geschildert bekamen und nacheinander Stellung nahmen und ihre Meinung äußerten. Gegen Mittag, nachdem Nia alles erzählt hatte, was sie zu erzählen wusste und jede der Frauen ihre Meinung geäußert hatte, machten sie ein kurzer Pause, um den Kopf wieder klar zu bekommen, und in Ruhe das Gesagte bedenken zu können.

Das Entführen eines Jungen war eine schwerwiegende Sache, Männer und gerade junge Männer, wie Denem einer war, galt es vor solchen Vorkommnissen zu schützen. Ebenso schlimm wog es, sich als die Schwester eines Junge auszugeben, um für ihn Verträge abzuschließen, die dann ungültig waren. Es wurde kurz überlegt, ob die Aufseherin auch von dem Vorfall betroffen war, da sie aber mehr Nutzen, als Schaden hatte, sie musste für die bis dahin geleistete Arbeit nicht zahlen, da der geschlossen Vertrag ungültig war und Nia nicht bereit ihn zu übernehmen, wurde beschlossen sie und mit ihr ihren Clan aus der Sache herauszuhalten. Nun galt es nur noch bis zum Abend zu warten, wenn sie der Angeklagten habhaft werden konnten.

Nia zog sich unter einen Baum zurück und rief einen Jungen heran, ihr Füße und Beine zu massieren. Es war ein hübscher Junge, der schöne lange Finger hatte und eine Art zu gehen, die noch etwas unbeholfen aber doch schon durchaus aufreizend wirkte. Er würde später einer der begehrteren Männer sein. Nia legte ihren Kopf zurück und schloss die Augen. Ihre Müdigkeit, die sie am Morgen gespürt hatte, war verflogen, doch eine gewisse Erschöpfung war geblieben. Es war ruhig, die meisten Frauen waren ins Haus gegangen, die die auf dem Platz blieben, schwiegen. Vor dem Männerhaus hockten drei Jungen und tuschelten miteinander, Nia war froh, dass keine Mädchen in dem Alter anwesend waren. Sie hätten bei weitem mehr Lärm verursacht.

„Nia“, die Stimme kam völlig unerwartet aus nächster Nähe. „Nia hör mir zu.“

Blinzelnd öffnete sie die Augen und ihr wurde langsam klar, dass ihr Bruder vor ihr stand, sie mit ernstem, beinahe bösem Blick ansehend, während sie unter einem Baum lag und aufwachte.

„Ach Denem was ist denn?“

Er hockte sich neben sie. „Nia, Sie hat mich nicht überredet. Ich bin auch nicht in sie verliebt oder so. Glaub mir, ich habe die Amazonen dazu überredet mich mitzunehmen. Ich habe sie auch gebeten, sich als meine Schwester auszugeben, damit ich Geld verdienen kann.“

„Denem“, sagte Nia, so sanft sie konnte, „Warum solltest du das tun, wenn nicht, weil du in sie verliebt bist? Was diese Frau gewissenlos ausgenutzt hat. Vielleicht glaubst du sogar, dass du sie mit deinen Bitten überredet hast, aber eine Amazone ist etwas anderes, als die Bauernmädchen, die dir nachschauen. Du bist ein hübscher Junger und sicher fand sie den Gedanken eine Weile in männlicher Gesellschaft zu reisen sehr reizvoll.“ Sie strich ihm über die Wange, „Aber sicher wäre sie irgendwann deiner überdrüssig geworden. Und auch wenn nicht, hätte sie niemals deine romantischen, jungenhaften Gefühle ausnutzen dürfen. Sie ist eine erwachsene Frau und du ein Junge, und damit trägt sie die Verantwortung für das Geschehene.“

„Nia, nein.“ Denems Stimme klang eindringlich, flehend, „Ich habe sie nicht gebeten mich mitzunehmen, schon gar nicht aus Liebe. Ich liebe keine der beiden Frauen. Ich wollte von zu Hause weg. Das ist alles. Und als eine Amazone so offen Gefallen an mir gefunden hat“, er stockte „da habe ich beschlossen die Gelegenheit zu nutzen.“ Nun grinste er. „Du hast es selbst gesagt: ich bin ein hübscher Junge, und ich habe durchaus gelernt mit Frauen umzugehen.“

Nia brauchte etwas Zeit, um das Gesagte zu begreifen. „Du willst weg?“

Er nickte.

„Das hat dir diese Amazone eingeredet.“

Er schüttelte den Kopf. „Nia, seit ich noch ein Kind bin, will ich weg. Sila und Kinara haben nichts damit zu tun.“

„Denem warum?“

Er senkte den Kopf , nur kurz, dann hob er ihn wieder. „Ich will frei sein, Nia, frei.“

„Aber Denem du bist doch frei. Was fehlt dir denn? Wir zwingen dich doch zu nichts.“

„Ich kann nicht mal Geld verdienen, ohne eine Frau, die die Verantwortung übernimmt. Ich will nicht frei sein von etwas, sondern zu etwas. Nia du weißt nicht, was es heißt ein Mann zu sein. Ich will so leben können wie du.“

Sie schüttelte den Kopf und legte mitleidig ihre Hand an seine Wange. „Denem, glaub mir. Sei froh, dass du keine Frau bist. Unser Leben ist nicht so frei, wie du denkst. Wir tragen die Verantwortung für die Familie, den Clan, auch für dein Wohlergehen, Denem. Was meinst du denn, warum ich dir nachgeritten bin? Wir lieben dich sehr, und sind besorgt um dich. Erwiderst du diese Liebe denn nicht?“

Ruckartig stand er auf und ihre Hand hing einen Augenblick lang sinnlos in der Luft. „Natürlich liebe ich Euch auch, dich, Mutter und die andern. Aber verstehst du denn nicht, dass ihr mir die Luft abschnürt, mit eurer Liebe. Ich kann selbst Verantwortung tragen, ich brauche keinen Schutz, Nia.“

„Denem, du bist jung, in deinem Alter hat man viele Träume und Wünsche. Aber du überschätzt dich. Männer sind nicht dafür geschaffen Verantwortung zu tragen, das ist kein Leben für einen Mann, das du dir wünscht, es ist ein Frauenleben. Du würdest daran zerbrechen.“ Sie stand auf, machte einen Schritt auf ihn zu, und wollte ihre Hand auf seine Schulter legen.

Doch er drehte sich um und lief, ohne sich um zusehen, zurück zum Männerhaus.

Eine Weile blickte sie ihm, voll Mitleid und Liebe nach, dann setzte sie sich wieder unter den Baum, wo eifrige Männerhände nach ihren nackten Füßen griffen, um sie zu massieren.

Sie verbrachte den Nachmittag im Schatten des Baumes im Schwesternhaus der Naja gemeinsam mit ihren Clansschwestern und einigen jungen Männern die sich eifrig um ihr Wohl kümmerten. Sie war erschöpft aber auch unruhig in Erwartung des Abends an dem sie die Amazonen stellen und zur Verantwortung ziehen würden.

Wie erwartet erschienen die beiden Frauen am späten Abend am Kai. Doch statt der Tracht der Amazonen trugen sie lange Röcke und Westen, wie sie in Am außerhalb der Steppe üblich waren. So erkannte sie niemand als Amazonen und sie konnten sich als Händlerinnen tarnen. Nia erwartete sie, gemeinsam mit einer Clansschwester, trat ihnen gegenüber und begann zu sprechen: „Ihr habt meinen Bruder entführt. Dafür ziehe ich euch jetzt zur Verantwortung.“

Die Amazonen sahen sich an, dann Nia und ihre Begleiterin. „Und was sagt dein Bruder dazu?“

„Das tut nichts zur Sache. Es ist euer Vergehen. Kommt mit zum Schwesternhaus. Dort werden wir die Sache klären.“

Sieben Najane hatten sich vor dem Clanhaus versammelt, die Frau, die Nia begleitet hatte, gesellte sich zu den anderen. Ein paar Männer, unter ihnen Denem, hockte in der Nähe und sahen neugierig herüber, während sie sich mit irgendwelchen Handarbeiten beschäftigten. Nia trat in die Mitte des Kreises, gefolgt von den Amazonen. Sie stellte sich ihnen gegenüber und formulierte ihre Anklage erneut: „Ihr habt meinen Bruder entführt. Er ist jung und leicht zu beeinflussen und ihr habt ihn von seiner Familie weggeholt.“

„Ich wiederhole meine Frage: Was sagt Denem dazu?“

„Denem ist offensichtlich verliebt und steht unter eurem Einfluss. Was er sagt, ist darum nicht von Relevanz. Es steht euch nicht zu, dass ihr einfach junge Männer mitnehmt.“

Kurz zeigte sich ein Grinsen auf dem Gesicht einer der Amazonen, doch es verschwand gleich wieder. „Ja, du hast recht“, sagte sie stattdessen. „Es war falsch, dass wir ihn mitgenommen haben. Was können wir dir als Wiedergutmachung anbieten?“

Nia dachte nach. Nun war es angemessen einen Preis zu nennen, etwas dass die Amazonen geben konnten um zu zeigen, dass es ihnen leid tat und sie ihre Schuld anerkannten, auch wenn der eigentliche Schaden, dadurch dass sie Denem mit nach Hause nahm, beglichen war.

„Ich musste euch folgen um meinen Bruder zurück zu holen, so haben wir beide unserer Familie für mehrere Tage gefehlt und Denem hat einen halben Tag gearbeitet ohne den Lohn zu erhalten.

Gebt mir etwas, das den Verlust für unser Haus aufhebt und bezahlt Denem seine Arbeit von eurem Geld.“

Das war ein faires Anliegen, wenn es auch sehr unterschiedlich ausfallen konnte, je nachdem wie man die Zeit ihrer Abwesenheit im Haus bewertete.

„Wir haben gute Bögen, davon könnten wir dir zwei lassen.“ schlug die Zernarbte vor. „mit Pfeilen. Es sind gute Waffen, gemacht um vom Pferd aus sicher zu treffen.“

„Zwei Bögen? Das ist nicht viel.“

„Es ist ja auch nichts geschehen. Du hast deinen Bruder wohlbehalten zurück. Er hatte nur ein kleines Abenteuer, und ihr werdet in zwei Tagen wieder zuhause sein. Für die Arbeit deines Bruders bekommt ihr eine halbe Goldmünze, das ist sehr großzügig.“

Damit hatte sie recht. Eine halbe Silbermünze wäre ein guter Preis für einen Tag gewesen, nun gab sie vier Silbermünzen, was der Wert einer halben Goldmünze war, für nicht mal einen halben Tag Arbeit.

„Der Frieden im Clan ist uns wichtig. Es war nicht unsere Absicht euch zu schaden. Wir haben unüberlegt gehandelt. Das soll nicht wieder vorkommen. Nimmst du unsere Wiedergutmachung an?“

„Ja“ antwortete Nia, „das tue ich.“ Sie reichte der Amazone die Hand, und diese umfasste Nias Handgelenk als Zeichen der Versöhnung. Ebenso gab sie auch der anderen Amazone die Hand und die Verhandlung war beendet.

„Aber ich will nicht nach Hause“ sagte Denem später, als sie noch gemeinsam aßen und er neben seiner Schwester saß. „Ich will in die Steppe.“

„Ach Denem, das ist nichts für einen Mann. Du kommst mit mir nach Hause, das ist besser für dich.“

„Ist es nicht“ antwortete er trotzig. „Ich weiß selbst, was das beste für mich ist.“

„Ach Junge,“ mitleidig sah Nia Denem an, „Wie willst du dass denn wissen.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, und Denem antwortete auch nicht, sondern sah nur auf das Fleisch in seiner Hand.

„Ich kenne Männer, die in der Steppe sehr gut zurecht kommen.“ bemerkte Kinara ohne von ihrem Essen aufzublicken. „Sie können gut reiten, kennen sich in der Steppe aus, lernen sogar zu kämpfen. Einige sind wirklich gut darin.“

„Ihnen bleibt kaum was anderes übrig, in der Steppe.“

„Da irrst du dich gewaltig, Schwester. Wir achten schon auf unsere Männer, aber wir respektieren es auch, wenn sie mit Frauen mithalten können.“

„Das ist barbarisch.“

„Lass das doch die Männer entscheiden.“

Nia lachte auf. „Ja klar, die Männer.“

„Warum nicht die Männer?“ fragte Denem heftig.

„Männer können so etwas einfach nicht beurteilen.“

„Den Eindruck habe ich nicht.“ kam ihm Kinara zur Hilfe. „Ich kenne einige Männer, die sehr gut für sich entscheiden können.“

„Ja, einige vielleicht. Aber die meisten Männer sind kaum intelligent genug dafür.“

„Das ist nicht wahr“ protestierte Denem.

Beruhigend legte Nia ihre Hand auf seinen Arm. „Das ist doch nicht schlimm. Männer müssen nicht klug sein.“

„Ich kann für mich entscheiden. Ich weiß was gut für mich ist.“ rief er aus, während er aufsprang.

„Zumindest hat er Temperament.“ Anzüglich grinsend betrachtete Sila ihn.

„Dumm ist er sicher nicht.“ meinte Kinara. „Die Idee, dass wir uns als Händlerinnen ausgeben, war von ihm.“

„Aber er ist dein Bruder“, wandte Sila ein. „Es ist deine Entscheidung.“

In Denems Augen traten Tränen, als er die Amazone wütend ansah, sich umwandte und aus der Halle stürmte.

„Und er kann seinen Standpunkt klar darlegen.“ stellte Kinara fest.

„Oh ja, das kann er“ seufzte Nia. „Das konnte er schon immer.“

Sie lachten.

„Es ist nicht einfach mit ihm?“ fragte Sila.

„Tatsächlich nicht. Er war schon immer eigensinnig.“

„Warum willst du es ihn nicht versuchen lassen?“ fragte Kinara. „Ein paar Tage in der Steppe können sehr heilsam sein, für einen widerspenstigen Jungen.“

„Weil die Steppe nichts für Männer ist.“

Schweigend sah Kinara sie an.

„Ihm könnte so viel passieren.“

„So gefährlich ist die Steppe nicht. Nicht für hübsche junge Männer. Wir würden auf ihn aufpassen, ihm zu essen und zu trinken geben, dafür sorgen, dass er einen Schlafplatz hat.“

„Und wenn er euch geraubt wird?“ Nia kannte Geschichten darüber, dass Amazonen sich ihre Männer raubten.

„Dann werden die Räuberinnen ihm Nahrung und einen Schlafplatz geben. Was denkst du denn, was wir mit Männern machen, die wir uns holen? Meinst du, das ginge so einfach, wenn die Jungs nicht freiwillig dabei wären. Einige mit großer Begeisterung.“ Sila lachte. „Er wird eine Zeit lang bei anderen Amazonen leben, bis wir ihn finden und zurückholen.“

„Wenn er nicht mehr will, bringen wir ihn zurück.“ bekräftigte Kinara. „Das ist kein Problem.“

„Es war ein Fehler, dass wir nicht vorher mit euch gesprochen haben. Das tut uns auch leid. Aber du kannst ihn fragen. Wir haben auf ihn aufgepasst und das würden wir auch in der Steppe machen. Lass ihm etwas Freiheit. Auch wenn er ein Mann ist. Er kann doch wieder zurück, wenn es nichts für ihn ist.“

Abweisend sah Nia sie an.

„Oder du kommst mit und überzeugst dich selbst davon, wie wir leben.“

„Ich weiß genug über euer Leben.“
„Weißt du das? Kennst du Amazonate?“

„Ich kenne genug Männer. Ich weiß was man ihnen zumuten kann.“

„Ach Schwester.“ Kinara trank aus einem Becher, „Das hätte ich auch gesagt, ehe ich in der Steppe gelebt habe und gesehen habe, wie ein Mann einen Wombat erlegt. Die Männer dort sind anders als hier. Sie sind selbstständiger. Sie entscheiden mehr für sich. Ich denke, du solltest Denem diese Chance lassen.“ Sie stellte den Becher wieder ab, nahm mit dem letzten Stück Brot den Bratensaft vom Teller auf und steckte es sich in den Mund. „Aber wie gesagt, es ist deine Entscheidung.“ Sie stand auf, nahm den Teller, brachte ihn zu einem Stapel schmutzigen Geschirrs und verließ das Schwesternhaus, eine sehr nachdenkliche Nia zurücklassend.

Es war spät und sie wollte schlafen gehen, doch vorher suchte sie noch ihren Bruder, der vor dem Männerhaus kauerte, die Beine mit den Armen umschlungen haltend. Als sie zu ihm trat, drehte er sein Gesicht weg.

„Denem“

„Ach lass mich doch.“

„Sieh mich an Denem.“

Er schüttelte den Kopf.

„Du bist trotzig und ungehorsam.“ stellte sie fest.

Er hob nur die Schultern. „Dann lass mich doch gehen, dann störe ich euch nicht mehr mit meinem Ungehorsam.“
„Ach Denem“, sie setzte sich neben ihn. „Du störst uns doch nicht. Wir lieben dich und machen uns Sorgen um dich.“

„Das braucht ihr nicht. Es ging mir sehr gut bei ihnen.“
„Es sind Amazonen.“

„Ja, ich weiß“

„Sie sind wild und grob.“

Er schüttelte den Kopf. „Sind sie nicht. Jedenfalls nicht so schlimm wie du meinst.“

Nia verkniff sich ein Lachen. „Ach Denem, was soll denn aus dir werden, in der Steppe? Fern von deiner Familie.“

„Lass es mich doch versuchen. Kinara sagt, dass sie mir hilft. Meinst du, dass sie lügt?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Sie ist eine Clanschwester.“

„Ich weiß.“

„Sie sagt, dass ich klug bin.“

„Sie denkt, dass du hübsch bist.“

„Das meinst du.“ Nun sah er sie an. Seine Augen waren leicht aufgequollen, und auf seinen Wangen sah sie noch die Spuren der Tränen.

„Es ist dir sehr ernst.“ stellte sie fest.

Er nickte heftig.

„Ein Jahr, dann kommst du zurück und ich will sehen was aus dir geworden ist.“

„Ja!“

Die beiden Amazonen saßen vor dem Schwesternhaus. Sila ließ sich von einem Mann Füße und Waden massieren.

„Ihr sagt, dass ihr auf ihn aufpasst?“ fragte Nia unvermittelt.

„Ja, sicher.“

„In einem Jahr will ich ihn wohlbehalten zurück, wenn nicht hole ich den gesamten Clan zusammen, dass er euch Feuer unterm Arsch macht, dass ihr nie wieder reiten könnt. Und glaubt nicht, dass ich euch nicht finden würde. Ich komme in die Steppe, finde euch und bringe euch zur Strecke, wenn er in einem Jahr nicht wieder zuhause ist.“

„Kein Problem“ Kinara grinste. „In einem Jahr hast du ihn wieder, etwas reifer und nicht mehr so jung, aber wohlbehalten.“
„Schwöre bei Najas Wassern und dem Schoss deiner Mutter.“

„Du hängst es aber hoch auf.“

„Schwöre.“

„Gut, ich schwöre, bei Najas Wassern und dem Schoss meiner Mutter, und meinem eigenen Schoss, möge er verdorren und nie Leben gebären, sollte ich deinen Bruder nicht in einem Jahr wohlbehalten bei dir abliefern.

Zufrieden?“

Nia nickte. „Dann nehmt ihn morgen mit, aber nach dem Frühstück. Ich will mich noch einmal von ihm verabschieden können.“

Denems Gesicht strahlte vor Freude und Glück, als sie sich zu ihm umwandte.

„Und du verschwinde nun schnell und leg dich schlafen, alleine. Du hast morgen einen anstrengenden Ritt vor dir.“

Unsicher sah sie ihrem Bruder nach, sich fragend ob sie gerade genau das Richtige tat oder einen großen Fehler machte.

In dieser Nacht konnte sie nicht einschlafen, und stand früh am Morgen auf. In der Halle traf sie ihren Bruder, der mit einem anderen Mann Proviant zubereitete.

„Gute Morgen Nia.“ begrüßte er sie fröhlich.

„Guten Morgen Hunirat.“ antwortete sie sanft, sich an den Tisch setzend.

„Möchtest du etwas trinken? Essen?“

Sie nickte. „Bring mir Wasser und süßes Brot, und packt mir auch etwas frisches Gemüse und Fleisch für den Heimweg ein. Ich habe nur noch Trockenobst und Räucherfleisch.“

Denem brachte ihr ihr Frühstück, stellte auch sich etwas dazu und setzte sich zu ihr um mit ihr zu frühstücken. Der andere Mann packte weiter den Proviant zusammen.

Sie sah zu ihrem Bruder. „Du hast eine lange Reise vor dir.“

„Ja“ nickte er. „Ich weiß.“

„Und ein aufregendes Jahr, kleiner Bruder.“

„Das habe ich, Hunirew.“

Sie lächelte, er hatte sie lange nicht so genannt. „Ich wünsche dir Glück, Denem. Und sieh zu, dass du heil wieder zurück kommst. Sonst werde ich schon dafür sorgen, dass Kinaras Schoss kein Leben hervorbringen wird.“

„Sicher mach ich das. Sag Mutter, dass ich sie liebe, und auch allen anderen. Gib unseren Neffen und Nichten Küsse von mir und sag ihnen, dass ich in einem Jahr wieder bei ihnen bin.“

„Das mach ich, Hunirat.“

Nach dem Frühstück sattelten sie ihre Pferde, stiegen auf und sahen einander noch einmal an. Hinter Kinara saß Denem seitlich auf dem Pferd, sich an der kräftigen Amazone festhaltend. Nia beugte sich vor und reichte Kinara die Hand, die sie ergriff, dann beugte sie sich zu ihren Bruder, zog ihn zu sich und küsste ihn auf die Wangen. Ihr widerspenstiger Bruder würde ihr fehlen.

Sie wendete ihr Pferd, hob die Hand zu einem letzten Gruß und ritt zurück gen Westen, zurück zu ihrer Familie, um ihnen zu sagen, dass Denem erst in einem Jahr nach Hause kommen würde.